Der stille Puffer
Der Wind hat gedreht.
Ich merke es nicht am Pfeifen im Rigg. Das war schon da, als wir den Anker geworfen haben. Ich merke es an der Bewegung des Schiffs. Der Rumpf kommt nicht mehr sauber in die Kette, er zögert, zieht, lässt wieder los.
Auf dem Ankerwächter am Handy malt die GPS-Spur ein unruhiges Zickzack. Nicht dramatisch, aber auch nicht richtig.
Es ist drei Uhr morgens. Unten schlafen die anderen und bekommen von alldem nichts mit. Es braucht erstaunlich wenig, damit ein Zustand als sicher gilt - in diesem Fall nur jemanden, der ihn ausspricht.
Ich stehe im Niedergang, ein Fuß draußen, ein Fuß drinnen. Draußen die Dunkelheit, die Böen, die jetzt ungefiltert von den Hügeln fallen, drinnen die gleichmäßigen Atemzüge, die Wärme, der Zustand, den man Stabilität nennt.
Die Frage ist, soll ich sie wecken, Ankerwache einteilen, Aktivität erzeugen und so Sicherheit simulieren?
Ich tue es nicht. Nicht, weil es einfacher wäre, sondern weil ich fürchte, mehr Unruhe auszulösen als das Risiko zu verkleinern, das ich gerade trage.
Irgendwann merke ich, dass ich nicht nur Wache halte. Ich halte einen Zustand aufrecht. Den Zustand zwischen der Unruhe draußen und der Ruhe unter Deck. Ich spiele den Puffer.
Dieses Gefühl kenne ich. Nicht vom Meer.
Von den Besprechungsräumen. Wenn neue Ziele präsentiert werden, während alte noch nicht verdaut sind. Wenn es im Raum stiller wird und alle schauen, was ich damit mache. Von oben wird erwartet, dass ich mittrage. Von unten, dass ich es verschwinden lasse.
Ich kaufe Ruhe für die anderen – auf Kosten meiner eigenen. Ich lasse die Unsicherheit bei mir enden, damit sie nicht weiterwandert.
Genau darin liegt die Falle.
Es ist nicht die Arbeit, die müde macht. Es ist dieses dauerhafte Aufrechterhalten von Gewissheit; Entscheidungen treffen mit halbem Wissen, Strategien erklären, von denen man weiß, dass sie endlich sind und sie so klingen lassen, als wären sie stabil. Nicht weil man lügt, sondern weil niemand auf die Antwort wartet, die man eigentlich geben müßte.
Während ich das Ächzen der Kette höre frage ich mich, ob ich hier wirklich führe – oder ob ich verhindere, dass andere lernen, mit der Situation umzugehen. Ob ich Schutz biete oder Abhängigkeit erzeuge. Ob dieser Puffer nicht längst von mir erwartet wird, weil er bequem geworden ist.
Wahrscheinlich sollte ich sie wecken. Nicht weil es nötig ist, sondern weil es ehrlich wäre.
Ich tue es nicht. Ich trinke den nächsten Kaffee und warte auf das erste Licht.
Es ist übrigens nichts passiert. Und am Morgen war alles ganz selbstverständlich.