Erfahrungsraum

Texte über Entscheidung, Verantwortung und Führung - entstanden auf See

Hier entstehen Texte, in denen konkrete Situationen und Entscheidungen auf See mit früheren beruflichen Erfahrungen abgeglichen werden.

Nicht als Anleitung und nicht als Modell, sondern als persönliches Nachdenken über Verantwortung, Unsicherheit und Konsequenzen.

Der stille Puffer
Der Wind hat gedreht. Ich merke es nicht am Pfeifen im Rigg, das war schon da, als wir den Anker geworfen haben. Ich merke es an der Bewegung des Schiffs. Der Rumpf kommt nicht mehr sauber in die Kette, er zögert, zieht, lässt wieder los. Auf dem Ankerwächter am Handy
Vertagt
Die Häfen sind voll von Booten, die auf den perfekten Moment warten. Die Ausrüstung ist perfekt, das Schiff ist perfekt, die Ausbildung passt. Die Gespräche unter den Seglern drehen sich um Wetterfenster, Ausrüstung, Timing. Und fast immer fehlt noch etwas. Es gibt noch einen guten Grund, heute nicht zu gehen.
Im Recht sein reicht nicht
Der Ärmelkanal ist kein Ort für Prinzipien. Er ist eng, dicht befahren und von einer Logik geprägt, die nichts mit individueller Absicht zu tun hat. Große Frachter bewegen sich träge. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus physikalischer Notwendigkeit. Und gerade weil diese trägen Massen unweigerlich Zeit und Raum für sich brauchen.
Der Marinero weiß es besser
Der Hafen ist unbekannt. Die nachmittägliche Seebrise hat ein beträchtliches Ausmaß erreicht und es steht starker Schwell im Hafen. Wir haben einen Liegeplatz reserviert, was die Sache einfacher machen sollte. Wir kommen wohl während der Siesta, der Marinero, den wir dann nach langem Suchen ausfindig machen, ist offenbar wenig begeistert,
Der weggeklickte Alarm
Dreimal erscheint ein Alarm auf dem Plotter. zweimal klicke ich ihn weg, beim dritten Mal zoome ich rein und verstehe, warum das auch in Organisationen so gefährlich ist.
Unter zwanzig Meter
Irgendwo zwischen Lissabon und Gibraltar hören wir einen Funkspruch. Orca-Kontakt, Ruderschaden, Rettung eingeleitet. Nicht der einzige auf dieser Route. Wir fahren zu diesem Zeitpunkt auf knapp unter zwanzig Meter Wassertiefe, wenige Meter von der Küste entfernt. Der Atlantik rollt uns von achtern oder der Seite an. Kein Land bremst die
Ziele sind schlechte Wohnorte
Nach Wochen unterwegs, Holland, dem Ärmelkanal, England, den Kanalinseln, der Normandie, der Bretagne, der Biskaya, der portugiesischen Küste und der Orca-Route seit Lissabon, sind wir da. Das große Ziel, das Mittelmeer, liegt hinter dem Felsen. Wir haben etwas erreicht, was wir uns vor einigen Monaten noch gar nicht zugetraut hätten.
Drei Sätze hätten gereicht
Der Tank ist fast leer. Nach einer langen Passage will ich nur noch auftanken, anlegen, das Boot in Ordnung bringen und mich über die erfolgreiche Reise freuen. An der Tankstelle liegt ein einziges Schiff, ich stelle mich dahinter an. Sollte nicht lange dauern. Es dauert. Zuerst verstehe ich nicht warum.
Wo das Fahrwasser liegt
Meine erste Flusseinfahrt in England. Auf der Karte ist alles klar. Blau ist Wasser, grün und gelb sind Land. Mit meinem österreichischen Bias weiß ich: ein Fluss hat Ufer. Eine Linie und zwei Seiten. Was ich dann vorfinde, hat das alles nicht: Gezeiten und Topografie haben das Ufer unter sich
Norden
Törnplanung im Mittelmeer geht mangels Gezeiten schnell. Karte aufmachen, den direkten Weg einzeichnen, die Strecke durch eine Wunschgeschwindigkeit teilen - fertig. Wir wissen, wie lange die Überfahrt dauern wird, wir wissen, wann wir ankommen. Von Menorca nach Sardinien - Nordküste. Mehrtägig, alles kein Problem. Dann kommen die Wettermodelle. Es gibt mehrere, recht