Der Marinero weiß es besser
Der Hafen ist unbekannt. Die nachmittägliche Seebrise hat ein beträchtliches Ausmaß erreicht und es steht starker Schwell im Hafen. Wir haben einen Liegeplatz reserviert, was die Sache einfacher machen sollte.
Wir kommen wohl während der Siesta, der Marinero, den wir dann nach langem Suchen ausfindig machen, ist offenbar wenig begeistert, in seiner Ruhe gestört zu werden. Er weist uns einen Platz zu. Der Wind weht genau auf den Steg und der Platz ist dem Schwell stark ausgesetzt. Irgendwie fühlt sich das alles falsch an und kann das nicht funktionieren denke ich noch, während ich den Platz trotzdem anfahre.
Nicht weil ich überzeugt bin, sondern weil der Marinero der Marinero ist. Weil er täglich in diesem Hafen arbeitet, während ich neu hier bin. Weil es sich seltsam anfühlt, einer Autorität zu widersprechen, wenn man selbst unsicher ist.
Das Manöver misslingt, ich beschädige unser Schiff und ein wenig den Steg. Dem Marinero ist beides vollkommen egal.
Diese Konstellation kenne ich, nicht nur vom Wasser.
In Organisationen gibt es eine besondere Form von Autorität: nicht die des Wissens, sondern die der Behauptung. Jemand sagt selbstbewusst, der Vorstand habe das so entschieden. Vielleicht stimmt es, vielleicht ist es eine Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und einer der eigenen Agenda dienenden Interpretation. Nachgefragt wird selten, einerseits weil die Behauptung selbst schon Autorität erzeugt, andererseits weil Nachfragen als Zweifel an der falschen Stelle gilt. Der Vorstand erfährt davon oft gar nichts, vielleicht vom angerichteten Schaden irgendwann später.
Dann gibt es noch die externe Variante: Berater bringen Modelle mit, die anderswo funktioniert haben sollen. Das Mandat kommt von oben, die Folien sehen überzeugend aus, und die Selbstsicherheit des Auftritts wirkt sehr kompetent. Was sie nicht kennen, sind die informellen Machtlinien, die Geschichte hinter den Zahlen, die Kultur. Wer im Haus ist, weiß das oft und schweigt trotzdem.
Warum eigentlich? Vielleicht, weil Widerspruch Verantwortung bedeutet. Nicht für die Entscheidung, sondern für den Widerspruch. Wer schweigt, kann später sagen: Ich hab's ja gewusst; wer redet, muss liefern. Das ist keine Feigheit, das ist eine sehr rationale Kalkulation. Und genau deshalb funktioniert das Muster so zuverlässig.
Am Abend nach dem missglückten Manöver lag das Schiff am falschen Steg, am falschen Platz und mit frischem Schaden an der Bordwand. Ich saß im Cockpit und wusste die Antwort eigentlich schon. Nicht warum das Manöver misslungen war, sondern warum ich es trotzdem gefahren hatte.
Am nächsten Tag legten wir problemlos an dem Platz an, der von Anfang an für uns vorgesehen gewesen wäre.