Ziele sind schlechte Wohnorte

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Ziele sind schlechte Wohnorte
Gibraltar

Nach Wochen unterwegs, Holland, dem Ärmelkanal, England, den Kanalinseln, der Normandie, der Bretagne, der Biskaya, der portugiesischen Küste und der Orca-Route seit Lissabon, sind wir da. Das große Ziel, das Mittelmeer, liegt hinter dem Felsen. Wir haben etwas erreicht, was wir uns vor einigen Monaten noch gar nicht zugetraut hätten. Die Freude ist riesig, die Erleichterung auch. Ein guter Grund, das ordentlich zu feiern.

Und dann kommt der Abend.

Das Boot liegt festgemacht in der Marina. Kein Seegang, kein Wacheplan, keine Entscheidung, die auf uns wartet. Keine Pläne, wohin es die nächsten Tage gehen soll. Und mit der Stille kommt ein Gefühl, das ich so nicht erwartet hatte. Nicht pure Zufriedenheit, sondern so etwas wie Orientierungslosigkeit.

Wir sind da. Und was jetzt???

Was folgt, ist schwerer zu beschreiben als die Freude davor. Die Erlebnisse der letzten Wochen kommen zurück – die Nächte im Ärmelkanal, wunderschöne Landschaften und Erlebnisse, die Ankunft in Cherbourg im Regen, die Sonnenaufgänge über der Biskaya – und mit ihnen die Erkenntnis, dass diese Momente nicht wiederkommen. Nicht so, nicht in dieser Dichte.

Der Weg war das Intensivste und unser Antreiber über die letzten Monate. 

Und der Weg ist jetzt vorbei. Das Ziel ist erreicht, der Weg verbraucht

Dieses Gefühl ist mir nicht völlig fremd.

Ich kenne es aus dreißig Jahren in Führungsverantwortung. Nicht nur von mir selbst, sondern von vielen Menschen, die ich begleiten durfte.

Da war der Geschäftsführer, der jahrelang auf die Übernahme eines Unternehmens hingearbeitet hatte. Monate voller Verhandlungen, Strategien und schlafloser Nächte. Als die Verträge  endlich unterschrieben waren, fiel die Spannung innerhalb weniger Tage in sich zusammen.

Da war die Führungskraft, die unbedingt in den Vorstand wollte. Jahrelang hatte sie darauf hingearbeitet. Als sie den Posten schließlich bekam, stellte sich überraschend schnell die Frage: War es das jetzt?

Und da waren Unternehmer, die ihr Lebenswerk verkauften. Sie hatten ihr Ziel erreicht, finanziell ausgesorgt und plötzlich etwas verloren, das sie für selbstverständlich gehalten hatten: den Grund, morgens mit Energie aufzustehen.

Interessanterweise sprach kaum jemand darüber.

Nach außen wurden Erfolge gefeiert. Intern wurde oft eine andere Geschichte erzählt. Die Geschichte von Menschen, die bemerkten, dass sie die ganze Zeit geglaubt hatten, ein bestimmter Zustand würde dauerhaft glücklich machen. Doch die Erfüllung hielt kürzer als erwartet.

Nicht weil das Ziel falsch gewesen wäre.

Sondern weil Ziele eine Eigenschaft haben: Sie funktionieren hervorragend als Zugmaschine, sind aber schlechte Wohnorte.

“Wen die Götter strafen wollen, dem erfüllen sie alle Wünsche.”

Der Satz klingt zynisch. Für mich beschreibt er heute etwas sehr Menschliches. Ziele tragen uns – bis wir sie erreicht haben. Danach verlieren sie ihre Kraft.

Was viele nicht einkalkulieren: Es ist nicht das Ziel, das antreibt. Es ist der Zustand des Unterwegsseins.

Die Energie entsteht nicht am Horizont. Sie entsteht in der Bewegung auf ihn zu. In den Entscheidungen, den Problemen, die gelöst werden müssen, den Rückschlägen und in der Entwicklung hin zum Ziel.

Vielleicht erklärt das auch, warum manche Menschen nach großen Erfolgen überraschend leer wirken, während andere selbst auf langen, schwierigen Wegen voller Energie bleiben.

Wer das versteht, stellt sich irgendwann eine andere Frage.

Nicht:

Wie komme ich über die Leere hinweg?

Sondern:

Wie gestalte ich ein Leben, in dem es immer wieder neue Horizonte gibt?

In Gibraltar haben wir nach zwei Tagen einen neuen Horizont gesetzt. Nicht weil der alte falsch war, sondern weil wir gemerkt haben: Der Motor läuft nicht auf Ankommen, er läuft auf Unterwegs.

Was folgte, war keine neue Begeisterung - sondern erst einmal Wehmut. Wir sind eine Zeit lang lustlos durchs Mittelmeer gefahren, haben auch kurz überlegt, gleich wieder rauszufahren.

Irgendwann haben wir uns damit abgefunden und gemerkt, dass wir es bereuen würden, hier nicht zumindest einen Sommer verbracht zu haben. Keine romantisch verklärte Begeisterung, aber eine Entscheidung. Und die ist gut, so wie sie ist.

Und nächstes Jahr geht's dann wieder raus auf den Atlantik.