Norden
Törnplanung im Mittelmeer geht mangels Gezeiten schnell. Karte aufmachen, den direkten Weg einzeichnen, die Strecke durch eine Wunschgeschwindigkeit teilen - fertig. Wir wissen, wie lange die Überfahrt dauern wird, wir wissen, wann wir ankommen. Von Menorca nach Sardinien - Nordküste. Mehrtägig, alles kein Problem.
Dann kommen die Wettermodelle. Es gibt mehrere, recht widersprüchlich in ihren Vorhersagen. Irgendwo dazwischen liegt vermutlich die Wirklichkeit, aber sie liegt halt selten dort, wo unser Plan sie brauchen könnte. Also schauen wir etwas genauer auf die Modelle, die besser zu unserer Route passen. Die anderen erscheinen plötzlich zu konservativ, zu ungenau oder methodisch fragwürdig. Aus den verbleibenden bauen wir uns eine Zuversicht, plausibel genug, um abzulegen.
Der Wind hat andere Pläne.
Er kommt aus der falschen Richtung. Mal ist er stärker als angekündigt, mal verschwindet er vollständig. Was auf der Karte wie eine gerade Linie aussah, wird zu einer Folge von Kursänderungen. Mit jeder davon verliert der ursprüngliche Törnplan ein wenig mehr von seiner Bedeutung. Nicht auf einen Schlag, eher schleichend. Bis irgendwann der Moment erreicht ist, an dem ich merke, dass ich mich noch immer an einem Plan orientiere, der längst nicht mehr zur Wirklichkeit passt.
Dann kommt der Motor.
Nicht weil er die bessere Lösung wäre, sondern weil er verspricht, den ursprünglichen Plan doch noch zu retten. Ich verbrenne Diesel, um eine Wirklichkeit aufrechtzuerhalten, die schon gar nicht mehr existiert. Wir fahren gegen den Wind und gegen die Welle und irgendwann vor allem gegen die Einsicht, dass sich die Bedingungen verändert haben. Der Motor hält das Boot in Bewegung und gleichzeitig die Vorstellung am Leben, dass sich mit genügend Einsatz doch noch erreichen lässt, was unter anderen Voraussetzungen einmal sinnvoll geplant worden war.
Irgendwann funktioniert auch das nicht mehr.
Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. Dieser Satz, den man auf Kalenderblättern liest und in diversen Seminaren hört, verliert auf See jede Romantik. Dort bedeutet er etwas sehr Konkretes, nämlich den ursprünglichen Plan loszulassen. Nicht weil er schlecht gewesen wäre, sondern weil er für eine Wirklichkeit gemacht wurde, die es inzwischen nicht mehr gibt.
Irgendwo auf halbem Weg ändern wir unseren Kurs. Statt an der Nordküste als Ziel festzuhalten, akzeptieren wir auch die Südküste als mögliches Ziel.
Was mich an dieser Überfahrt beschäftigt, hat wenig mit Wind zu tun.
Auf See wird einem eine bestimmte Frage irgendwann abgenommen: was in dem Moment mit Führung passiert, in dem der Plan aufhört zu stimmen. Wind und Welle lassen sich weder überzeugen, noch interessieren sie sich für unsere Planung oder für den Aufwand, der bereits in sie geflossen ist. Sie machen sichtbar, was längst gilt: Der Plan hat seine Gültigkeit verloren.
In Organisationen ist das anders. Dort lässt sich der Motor erstaunlich lange laufen. Man setzt weitere Ressourcen ein, schärft die Kommunikation, verschiebt Meilensteine, holt externe Unterstützung oder passt den Scope an. Das kann schon einmal sinnvoll sein, doch oft dient es vor allem einem einzigen Zweck: noch etwas mehr Zeit zu kaufen, bevor man eingesteht, dass die Bedingungen sich verändert haben. Der Wind dreht - und wir justieren die Tagesordnung.
Es gibt einen Moment, den ich in Besprechungsräumen inzwischen erkenne. Den Moment, in dem alle spüren, dass etwas nicht mehr stimmt, der Plan aber noch auf der Folie steht. In dem der Aufwand, der bereits investiert wurde, schwerer wiegt als das, was die Situation gerade braucht. In dem der Motor läuft, nicht weil er hilft, sondern weil Stillstand noch schwerer zu rechtfertigen wäre.
Wer in diesem Moment die Leistung erhöht, fährt noch eine Zeit lang schneller und angestrengter gegen den Wind. Wer sofort und vollständig loslässt, verliert nicht nur den Plan, sondern auch die Richtung. Was auf See den Unterschied gemacht hatte, war etwas anderes: den Plan loslassen, ohne die Richtung aufzugeben. Das klingt einfacher als es ist. Es ist eine Entscheidung, die oft in Stille fällt, die Entscheidung, dem, was wirklich geschieht, mehr zu vertrauen als dem, was beschlossen worden war.
Führung in Veränderung besteht für mich heute weniger darin, den richtigen Weg vorzugeben. Sie besteht darin, die Richtung zu halten, während der Weg erst entsteht. Nicht jede Kursänderung ist ein Zeichen dafür, dass etwas aus dem Ruder läuft. Manchmal zeigt sie nur, dass sich das System bereits auf den Weg gemacht hat, nur eben anders, als wir es vorgesehen hatten.
Vielleicht ist das die schwierigste Form von Führung: auszuhalten, dass der Plan verschwindet, bevor die neue Route sichtbar wird.
Wir sind übrigens am geplanten Ort im Norden angekommen.