Wo das Fahrwasser liegt
Meine erste Flusseinfahrt in England.
Auf der Karte ist alles klar. Blau ist Wasser, grün und gelb sind Land. Mit meinem österreichischen Bias weiß ich: ein Fluss hat Ufer. Eine Linie und zwei Seiten.
Was ich dann vorfinde, hat das alles nicht:
Gezeiten und Topografie haben das Ufer unter sich begraben. Alles ist Wasser, überall. Dazu kommt starker Regen, der die Sicht auf ein Minimum reduziert. Die Fahrrinne ist irgendwo darin – markiert, nummeriert, geduldig wartend, aber auf den ersten Blick nicht sichtbar. Ich sehe nur Weite, die nach Möglichkeit aussieht und es nicht ist.
Wir finden den Beginn des Fahrwassers und widerstehen der Versuchung, abzukürzen. Dalbe für Dalbe und wir lassen keine aus. Nicht, weil wir es nicht eilig hätten, sondern weil scheinbare Abkürzungen hier keine sind - im Gegenteil. Der Regen nimmt das letzte, was man noch hätte nutzen können – den Blick nach vorne. Was bleibt, ist das nächste Zeichen. Nur das.
Irgendwann kommen wir an.
Erfahrung hätte geholfen, bessere Vorbereitung auch. Aber keines von beidem hätte das ersetzt, was am Ende zählte: die Bereitschaft, das Bild loszulassen, das ich mitgebracht hatte, und das zu navigieren, was tatsächlich vor mir lag. Zeichen für Zeichen. Nicht weil ich es wollte, sondern weil nichts anderes übrig blieb.
Auf dem Wasser war das der einfache Teil.
Ein Mitbewerber greift den Preis an. Drastisch, unerwartet und außerhalb jedes Szenarios. Zunächst hält man Kurs. Nicht weil die Beobachtungen fehlen würden, sondern weil die Orientierung noch aus einem Bild kommt, das vor Wochen oder Monaten entstanden ist. Einem Bild, in das viel Arbeit geflossen ist, monatelange Analyse, abgestimmte Szenarien, Präsentationen, die durch alle Ebenen gereist sind. Das lässt man nicht so einfach los, sondern schaut lieber nochmals hin, dann nochmals. Den Fehler sucht man mehr in den neuen Daten, als im eigenen Modell.
Im Fluss sind die Dalben gesetzt. Man muss nur die erste finden und dem Weg folgen. Im Führungsalltag gibt es diesen Luxus nicht. Die Markierungen entstehen durch Planung, Meilensteine, Annahmen – und sie tragen so lange, wie das Bild stimmt, aus dem sie entstanden sind. Und wenn es einmal nicht mehr stimmt, dann verschwinden sie nicht, sie stehen noch. Zeigen in die Richtung, die einmal richtig war und es vermeintlich noch ist. Und genau das macht sie gefährlich. Nicht weil sie fehlen, sondern weil sie noch da sind.
Also wird interpretiert, eingeordnet, relativiert. Der Mitbewerber wird wegdiskutiert, seine Strategie als nicht nachhaltig erklärt, die nächste Analyseschleife gedreht. Das ist keine Dummheit – es ist ein Reflex. Wer lange genug in eine Richtung navigiert hat, traut dem nicht, was plötzlich quer dazu liegt. Die alten Dalben stehen noch. Man folgt ihnen.
Irgendwann häufen sich die Zeichen. Die Annahmen tragen nicht mehr, Meilensteine sind keine Meilensteine mehr, Zahlen, die ins Bild passen sollten, passen nicht mehr hinein. Die alte Karte stimmt nicht mehr, die neue ist noch nicht gezeichnet und irgendwo darin liegt das Fahrwasser.
Niemand weiß genau, wo die erste neue Dalbe steht und trotzdem muss entschieden werden. Nicht weil Gewissheit da wäre, sondern weil Stillstand auch eine Entscheidung ist.
Und wenn dann umgesteuert wird, dann oft zuerst halbherzig. Könnte ja sein, dass man doch recht hatte, also zunächst mal halbe Maßnahmen, die das alte Bild nicht wirklich aufgeben, aber das neue auch nicht wirklich annehmen. Was das für die bedeutet, die es umsetzen müssen, merkt man meist erst später. Sie navigieren mit zwei Karten gleichzeitig. Keine davon stimmt ganz.
Auf der Karte war alles klar. Blau war das Wasser, grün und gelb das Land.
Draußen war alles anders.