Gut genug

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Gut genug
Port Kerel, Belle-Île

Belle-Île, früher Nachmittag. Wir sind das dritte Boot in der Bucht, später kommen noch ein paar dazu, nicht viele. Flaches Licht, ruhiges Wasser, eine tief eingeschnittene Bucht, die im Namen das Wort "Hafen" trägt.

Für alle Crews, die wir beobachten, schaut das nach reiner Routine aus. Anfahren, Anker runter, Motor aus, mit dem Dinghy ab ans Ufer. Für mich ist hier alles neu: die Insel, der Grund, das Gefühl dafür, was hier ein normaler Abend ist. Fast wie bei einem neuen Job. Fakten kann man sich rasch anlesen, was wirklich geht, wie sich „in Ordnung" anfühlt, das lernt man nur mit der Zeit.

Wir setzen den Anker wie wir es überall tun, Anker runter, Boot ausschwojen lassen, eindampfen und Motor aus. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Die Tatsache, dass unsere Kette eigentlich 2mm zu dünn ist, begleitet uns auch schon länger.

Trotzdem bleiben wir an Bord, während die Crews der anderen Schiffe längst an Land sind und was weiß ich wohin gegangen sind. Ich gehe wiederholt zum Bug, checke die Ankerkralle, schaue mir alles nochmals an. Natürlich stelle ich den Ankeralarm, auch wenn ich vermute, dass er wahrscheinlich nicht anschlagen wird.

Nicht aus Angst. Ich weiß nur noch nicht, worauf ich mich verlassen darf.

Der Abend vergeht ruhig. Kein Winddreher, keine Böe, die den Anker testet. Als es dunkel wird, sitze ich im Cockpit und merke, was mich das gekostet hat. Nicht Sicherheit, die hatte ich ohnehin. Gekostet hat es mich den Landgang auf einer Insel, die alle kennen - an einem Ankerplatz, den ich nicht kannte.

Vorsicht schützt und sie schließt gleichzeitig aus. 

Ich habe später oft an diesen Abend gedacht. Nicht wegen des Ankers, sondern weil ich dieses Muster immer wieder gesehen habe.

Fast keine Regel entsteht grundlos. Meist steht am Anfang eine konkrete Erfahrung. Irgendetwas ist schief gelaufen, beispielsweise ein Fehler, der nicht noch einmal passieren soll. Also kommt eine zusätzliche Freigabe, ein weiteres Reporting, eine neue Abstimmung. Nicht, weil jemand Bürokratie liebt, sondern weil es in diesem Moment vernünftig erscheint.

Schwierig wird es dann mit der Zeit.

Die Situation verändert sich, Menschen wechseln ihre Rollen, das ursprüngliche Problem ist längst gelöst und in Vergessenheit geraten.

Die Regel bleibt.

Vielleicht ist das sogar unvermeidlich. Systeme haben die erstaunliche Eigenschaft, sich selbst zu erhalten. Was einmal eingeführt wurde, verschwindet selten von allein. Es wird Teil der Organisation, Teil der Kultur und irgendwann einfach Teil der Art, wie man Dinge macht.

Niemand fragt mehr, welches Problem diese Regel eigentlich lösen sollte. Man fragt nur noch, ob sie eingehalten wurde.

Aus einer Maßnahme, die Sicherheit schaffen sollte, wird eine, die vor allem sich selbst rechtfertigt. Nicht aus bösem Willen, sondern weil sie das gute Gefühl hinterlässt, alles getan zu haben.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Sicherheit und Gewissheit.

Sicherheit reduziert ein Risiko; Gewissheit reduziert das ungute Gefühl, dass wir etwas übersehen haben könnten. Beides fühlt sich ähnlich an, ist aber nicht dasselbe.

Vielleicht kontrollierte ich an diesem Abend den Anker gar nicht mehr, weil das Boot meine Aufmerksamkeit brauchte. Vielleicht kontrollierte ich ihn, weil ich sie brauchte.

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