Unter zwanzig Meter
Irgendwo zwischen Lissabon und Gibraltar hören wir einen Funkspruch. Orca-Kontakt, Ruderschaden, Rettung eingeleitet. Nicht der einzige auf dieser Route.
Wir fahren zu diesem Zeitpunkt auf knapp unter zwanzig Meter Wassertiefe, wenige Meter von der Küste entfernt. Der Atlantik rollt uns von achtern oder der Seite an. Kein Land bremst die Wellen zwischen hier und Amerika. Das Boot schaukelt, nichts ist angenehm.
Die Grundregel im "Orcagebiet" ist einfach: Wasser unter zwanzig Meter Tiefe, so nah an der Küste wie möglich. Eine kleine Population iberischer Schwertwale attackiert seit ein paar Jahren regelmäßig Segelboote und hat auch schon mehrere versenkt - aus Gründen, die niemand wirklich versteht. Dort, wo das Wasser flach ist, jagen sie jedenfalls keine Thunfische und attackieren sie daher auch keine Boote. Unbequem, aber machbar. Wir halten uns daran.
Als der Funkspruch kommt, spüre ich Erleichterung - niemand scheint verletzt worden zu sein. Mit einem kleinen, nicht ganz eingestandenen Rest von Genugtuung. Das fühlt sich nicht besonders edel an, aber es ist ehrlich.
Betroffene Segler berichten immer wieder, sie seien regelkonform im seichten Wasser gefahren - beim genauen Hinsehen zumindest sehr zweifelhaft. Die Fachpresse greift das bereitwillig auf. Eine Geschichte, die Unsicherheit bestätigt, verkauft sich besser als eine, die auf Regelbruch hinweist.
Mit vierzig Jahren Praxis in der Versicherungsbranche ist mir Risikominimierung natürlich nicht fremd. Gleichzeitig ist mir klar, dass die, die Risiken eingehen, zweifellos cooler wirken und den viel einfacheren Weg haben. Aber das nehme ich hin.
Was mich mehr beschäftigt, ist eine andere Asymmetrie. Wer die Regel bricht, spart sich die unbequeme Küstenfahrt und trägt wenn es dann schiefgeht, das kaputte Ruder, den Schreck, den Rettungseinsatz und mit Pech den Verlust seines Bootes. Aber er trägt auch etwas anderes in die Gemeinschaft: die verzerrte Schlagzeile, die wachsende Überzeugung, dass die Regeln eh nichts taugen.
In Organisationen läuft das nicht anders. Compliance kostet. Sie kostet Zeit, Tempo, bisweilen auch Nerven. Wer sich daran hält, trägt die Reibung meist alleine und wird selten dafür wahrgenommen. Wer die Regeln dehnt, hat kurzfristig oft Recht. Die systemischen Kosten dieses Verhaltens sind diffus und verteilt; sie tauchen auch nicht in der Quartalsrechnung auf.
Das Gefährliche dabei ist nicht der einzelne Regelbruch. Es ist die Erzählung danach. Wenn Beteiligte die Umstände zurechtbiegen und niemand ernsthaft nachfragt, entsteht ein kollektives Gedächtnis, das falsch ist. Aus "wir haben uns nicht an die Regel gehalten und es ist schiefgegangen" wird "wir haben alles richtig gemacht und es ist trotzdem schiefgegangen". Der Unterschied ist nicht klein. Er entscheidet darüber, ob eine Organisation aus Vorfällen lernt - oder ob sie lernt, Vorfälle zu erklären.
Verantwortung beginnt vor dem Vorfall. Nicht in der Erklärung danach.
Wir sind ohne Orca-Kontakt durchgekommen. Das Rollen hat nach dem Cabo de São Vicente aufgehört, die Funksprüche dann bald nach Tarifa.