Der weggeklickte Alarm
Dreimal erscheint ein Alarm auf dem Plotter. zweimal klicke ich ihn weg, beim dritten Mal zoome ich rein und verstehe, warum das auch in Organisationen so gefährlich ist.
Es ist kurz nach Sonnenaufgang. Die Nacht war lang, der Ärmelkanal ungnädig und ich bin allein auf Wache. Der Körper funktioniert, der Kopf arbeitet auf Sparflamme.
Plötzlich erscheint ein Alarm auf dem Plotter. Koordinaten, ein Distress-Signal. Ich klicke ihn weg.Beim zweiten Mal schaue ich näher hin. Koordinaten, irgendwo da draußen, ich klicke ihn weg. Beim dritten Mal bleibe ich länger. Die Koordinaten sind nah, sogar sehr nah. Ich zoome rein.
Ich bin es selbst.
Den "MoB Sender" in meiner Tasche - gedacht für den Fall, dass ich über Bord gehe - hatte ich irgendwann in der Nacht irrtümlich ausgelöst. Das Signal war korrekt, auch die Position stimmte. Nur die Interpretation nicht: Ich hatte mich schlicht und einfach nicht als mögliche Quelle des Problems in Betracht gezogen.
Das Signal war die ganze Zeit da. Ich auch.
In Organisationen werden Alarme in der Regel nicht übersehen, sondern aussortiert. Der Unterschied ist wichtig.
Übersehen passiert aus Unaufmerksamkeit, Aussortieren aus Überzeugung: Das kann nicht sein. Nicht jetzt. Nicht bei uns.
Es gibt interne Systeme, deren einziger Auftrag es ist, genau diese Signale zu produzieren - sauber, methodisch und ohne Agenda. Zahlen, Projektionen und Analysen halt.
Wenn ihre Ergebnisse nicht ins Bild passen, werden oft nicht die Annahmen hinterfragt, sondern die Ergebnisse. Die Zahlen stimmen nicht - also stimmen die Zahlen nicht. Der Plotter schreit, und man erklärt dem Plotter, dass er falsch liegt. Gemeint ist das interne System, das produziert was es produziert - ohne Rücksicht darauf, ob es gerade passt.
Dann wird erst die Methodik in Frage gestellt, danach die Annahmen hinter der Methodik. Und wenn es sein muss die Leute, die sie produziert haben. Das ist keine Eskalation aus Bosheit, sondern eine sehr rationale Suche nach dem Fehler an der richtigen Stelle. An der Stelle nämlich, wo das Korrigieren noch nichts kostet.
Verstärkt wird das noch durch die Hierarchie im Raum. Der Plotter widerspricht nicht einem Kollegen, er widerspricht dem Kapitän. Und in einem Umfeld, in dem der Push von oben kommt und von oben verteidigt wird ist es sehr einsam, derjenige zu sein, der sagt: Ich glaube dem Plotter. Das ist keine Frage von Mut im heroischen Sinne. Es ist eine nüchterne Kalkulation: was kostet dieser Widerspruch und was kostet das Schweigen.
Und währenddessen schreit der Plotter weiter. Bis ihn jemand irgendwann nicht mehr wegklicken kann.
Irgendwann in dieser Früh funkt mich eine Segelyacht an. Freundlich, ohne Druck. Ob alles in Ordnung sei, ob wir Hilfe bräuchten. Ich erkläre den Irrtum und bedanke mich. Was mich berührt hat, war nicht die Frage selbst, sondern dass jemand hingeschaut hatte. Ohne Pflicht, ohne Auftrag. Einfach weil das Signal da war und jemand es nicht wegklicken wollte.