Vertagt
Sie sind voll die Marinas.
Mit Booten, die für die "große Fahrt" gebaut wurden und auf den perfekten Moment warten. Ausrüstung und Schiff sind längst top, auch die Ausbildung der Crew passt. Und dennoch sind sie noch hier und nicht dorthin unterwegs, wohin sie ihre großtrabenden Pläne längst tragen hätten sollen.
Die Gespräche unter den betroffenen Seglern drehen sich um Wetterfenster, Ausrüstung, Timing. Und fast immer fehlt noch etwas, gibt es noch einen guten Grund, heute wieder einmal nicht zu gehen; aber ganz sicher nächste Woche, nächsten Monat und so weiter. Und schließlich gibt es ja auch in der Nähe noch so viele Buchten und Städte zu erkunden.
Und dann gibt es diejenigen, die machen es einfach und haben den Mut, loszufahren. Natürlich werden sie kritisiert, ganz sicher fehlt noch was an Ausrüstung, haben die doch gar keine Erfahrung und überhaupt! Und wehe ihnen, wenn es nicht gut geht. Das Hafenkino füllt sich dann ganz schnell, und mit ihm die Gewissheit derer, die es ja schon immer gewusst haben.
Die im Hafen bleiben, werden selten hinterfragt. Nicht zu gehen wirkt sicherer als ein Versuch, der scheitern könnte und man bleibt ja unter sich. Stillstand fällt einfach weniger auf als Bewegung, die vielleicht misslingt.
Planung beruhigt. Das ist ihr größtes Problem.
Und dann ist es nicht mehr weit und die Planung löst sich langsam von der Umsetzung. Sie wird genauer, sauberer, plausibler und bekommt ein Eigenleben. Geht doch nichts über einen perfekten Plan, den man dann nicht mehr mit Umsetzung beleidigen möchte.
Im Beruf wie auf See.
Zwischen Leichtsinn und Perfektionismus liegt ein schmaler Grat. Der eine geht zu früh, der andere nie. In beiden Fällen wird etwas vertagt: entweder das Abwarten oder der Aufbruch.
Stillstand tarnt sich dabei oft als Klugheit, als Professionalität, als Vernunft und bleibt doch eine Entscheidung – halt ohne klare Richtung.
Was haben wir in meiner aktiven Zeit geplant, wieviele Strategien erdacht und verfeinert, Konzepte geschärft, Optionen geprüft und das dann natürlich in unzähligen Schleifen abgestimmt. Die Umsetzung wurde vertagt, bis scheinbare Sicherheit erreicht war, der Businessplan in Szenarien zerlegt und in der letzten Kapillare geprüft.
Wurden unsere Entscheidungen dadurch sicherer oder klarer?
Jedenfalls wurden sie später. Auch die mit jeder Entscheidung verbundene Unsicherheit konnte nicht weggeplant werden, bestenfalls verwaltet. Der perfekte Moment wurde gesucht, während Informationen gehortet wurden, die das Gehen eigentlich nicht ersetzen konnten.
Wer nicht beginnt, scheitert nicht - und bleibt oft länger unauffällig und vor allem in seiner Komfortzone.
Im Hafen ist der Stillstand gut sichtbar. Im Beruf versteckt er sich leichter – zwischen Meetings, Konzepten, nächsten Schleifen.
Die wirkliche Richtung zeigt sich oft erst in der Bewegung, nicht in der Entscheidung. Die Entscheidungen fühlen sich dabei selten rund oder ideal an. Eher wie ein Schritt, der sich noch nicht ganz trägt – und trotzdem gegangen wird.
Nicht aus Sicherheit heraus, sondern trotz fehlender. Erst unterwegs wird deutlicher, was richtig war und was korrigiert werden muss.
Unsere Entscheidung, den Atlantik in Richtung Karibik zu überqueren ist übrigens gefallen. Den Schritt gehen wir dann im November.