Dort gibt es einen Bahnhof
Vierzehn Tage mit einer fremden Person sind eine lange Zeit an Bord.
Unser Skipper war über eine Firma zu uns gekommen. Extrem erfahren, umgänglich und genau das, was wir zu diesem Zeitpunkt brauchten. Wir standen vor einer vollkommen neuen Herausforderung, Gezeitenrevier statt Adria. Wir mussten und konnten viel von ihm lernen. Manches war ganz konkret: Strömungen, Wetter, Manöver, Tidenrechnung. Vieles war aber auch einfach die Sicherheit, die entsteht, wenn jemand neben einem sitzt, der eine Situation schon hundertmal gesehen hat und deshalb nicht bei jedem kleinen Problem nervös wird.
Wir fragten und lernten viel. Er erklärte und zeigte uns viel. Und irgendwann begannen wir, weniger zu fragen.
Das war der Moment, in dem sich etwas verändert hatte.
Wir waren inzwischen knapp zwei Wochen gemeinsam unterwegs, hatten uns aufeinander eingespielt und begonnen, seine Liebe zu diesem schwierigen, aber lohnenden Revier zu teilen. Für ihn war das wohl eine sehr angenehme Zeit. Er erwähnte immer wieder, dass er hier eigentlich einen bezahlten Urlaub habe.
Ich wusste nie so genau, wie dieser Satz gemeint war. Eine Feststellung vielleicht, oder die Freude darüber, dass ein Auftrag einmal nicht nach Arbeit aussah. Wir gingen abends gut essen, segelten durch eine Gegend, die er mochte, und er musste sich um wenig kümmern, außer darum, dass wir sicher unterwegs waren.
Für uns war es ebenfalls bequem geworden.
Und genau das war das Problem.
Wir hatten uns aneinander gewöhnt, und mit dieser Gewöhnung verschoben sich auch ein wenig die Grenzen dessen, was für uns an Bord angenehm war, wie es in dieser Konstellation eigentlich sein sollte.
Schon einige Tage vor Cherbourg hatten wir begonnen, darüber nachzudenken, ob wir ihn überhaupt noch brauchten. Nicht, weil er schlechter geworden wäre. Im Gegenteil. Er hatte seinen Job sehr gut gemacht, und wir wussten inzwischen deutlich mehr als zu Beginn.
Von den Kanalinseln fuhren wir deshalb nicht wieder zurück nach England, sondern nach Cherbourg. Dort gibt es einen Bahnhof.
Die Entscheidung war eigentlich schon gefallen, ausgesprochen hatten wir sie nur noch nicht.
Dann passierte noch eine eigentlich völlig nebensächliche Sache an Bord, für uns nach zwei Wochen auf engem Raum war es aber Auslöser genug, das Gespräch zu führen, das wir ohnehin führen wollten.
Wir sagten ihm in Cherbourg, dass wir glaubten, gelernt zu haben, was wir von ihm lernen wollten, und dass es für uns Zeit sei, unsere Erfahrungen alleine zu machen.
Das Gespräch war vollkommen sachlich. Er hat es professionell genommen und ich glaube, er hatte selbst gewusst, dass seine Aufgabe hier eigentlich erledigt war.
Er blieb noch einen Tag in Cherbourg. Dann stieg er in den Zug und wir blieben am Schiff.
Diese Konstellation kenne ich nicht nur vom Wasser.
Berater kommen für einen Auftrag ins Unternehmen. Ist er erledigt, gibt es oft noch ein Thema, das man begleiten könnte, noch eine offene Frage, noch etwas, bei dem es sinnvoll wäre, wenn jemand von außen draufschaut. Jeder dieser Gründe ist für sich genommen vernünftig, zusammen ergeben sie etwas, das niemand so entschieden hat: einen Auftrag, der nicht mehr endet.
Ich habe mich irgendwann gefragt, woran ich eigentlich erkenne, ob eine Beratung etwas gebracht hat. Meine Antwort ist einfach: Ist die Organisation selbständiger als vorher?
Unser Skipper wusste mehr als wir. Das war nicht der Punkt. Der Punkt war, dass die für uns notwendigen Teile sein Wissen irgendwann bei uns angekommen waren.
Bei Führungskräften habe ich beides erlebt. Es gibt Menschen, bei denen Wissen, Kontakte und Entscheidungen irgendwann so eng an ihre Person gebunden sind, dass die Organisation vor allem eines lernt: auf sie zu warten.
Und es gibt andere, bei denen mit der Zeit Dinge ohne sie funktionieren, die am Anfang noch ihre Führung gebraucht haben.
Ein Manager hat dann etwas richtig gemacht, wenn die Organisation Dinge kann, die sie vorher nur mit ihm konnte. Nicht, wenn ihn niemand mehr braucht.
Unser Skipper hatte uns nach gut zwei Wochen tatsächlich nicht mehr viel zu sagen, aber es war etwas geblieben.
Am Tag nach seiner Abreise haben wir selbst abgelegt. Die Strömung setzte wie an den Tagen davor. Gefragt haben wir niemanden mehr.