Glauben wir zumindest
Nach einem Tag unterwegs suchen wir einen Platz für die Nacht. Halbwegs sicheres Ankern, nicht viel Wind angesagt, aber doch. Also bitte Sand als Untergrund.
Beim vierten Versuch kommen wir in einen kleinen Naturhafen. Wunderschön, Sand, alles wie gewünscht. Das Manöver lautet: vorne der Anker, hinten die Landleine, die das Schiff fixiert. Kein Selbstläufer mit kleiner Crew, aber auch kein Hindernis.
Alles gut, Manöver gelingt, Landleine fixiert, Crew happy.
Am Ende gehört der Anker noch fest angezogen, damit er sich richtig eingräbt. Wissen wir, machen wir aber nur halbherzig. Denn wenn der Anker nicht hält, müssten wir alles noch einmal fahren. Landleine lösen, zurück, Anker hoch, neu ansetzen. Kein Drama, aber Aufwand. Und eigentlich wollen wir jetzt fertig sein.
Also ziehen wir irgendwo zwischen vorsichtig und halbherzig.
Der Anker hält, glauben wir zumindest, also eigentlich denken wir, der wird schon halten.
Am Abend kommt Seitenwind auf. Nicht schlimm, aber wir kommen unserem Nachbarn doch recht nahe. Jetzt wollen wir den Anker in der Dunkelheit auch nicht mehr belasten, also bleiben wir an Bord und das Abendessen im Restaurant fällt aus. Mehr passiert nicht.
Und dennoch beschäftigt es mich. Wir hätten es beim Anlegen ganz einfach wissen können. Warum wollten wir es eigentlich nicht so genau wissen.
Das ist eine Konstellation, die ich auch aus Organisationen kenne.
Ein Projekt läuft hinter Plan, noch kein Problem. Ein Kunde reagiert anders als erwartet, noch kein Grund zur Sorge. Eine Kennzahl entwickelt sich in die falsche Richtung, vielleicht ist die Datenlage ja noch nicht eindeutig.
Man könnte sofort genauer hinschauen.
Den Kunden fragen, die Zahl auseinandernehmen, den aktuellen Stand challengen, obwohl er noch nicht besonders gut aussieht. Einen Meilenstein überprüfen, obwohl damit möglicherweise eine unangenehme Entscheidung verbunden wäre.
Diese Schritte sind auch überhaupt nicht schwierig. Schwierig ist nur, was danach kommen könnte. Stell dir vor, es stimmt tatsächlich etwas nicht.
Vielleicht muss ein Projekt gestoppt werden, vielleicht war die Entscheidung falsch, vielleicht muss jemand erklären, warum man so lange an etwas festgehalten hat.
Solange wir nicht genau wissen, bleibt das offen. Und Offenheit hat einen erstaunlichen Vorteil: Sie zwingt noch zu keiner Entscheidung.
Ich glaube, wir schauen deshalb nicht unbedingt zu wenig hin. Wir schauen gerade genug hin, um uns sagen zu können, dass noch nichts entschieden ist.
Das ist etwas anderes als Nachlässigkeit.
Nachlässigkeit wäre, den Termin zu übersehen oder die Zahl nicht zu kennen. Hier kennen wir den nächsten Schritt, wir machen ihn nur nicht.
In meiner aktiven Zeit habe ich solche Situationen selbst erlebt und auch selbst erzeugt. Nicht immer bewusst und selten mit dem Gedanken, etwas vermeiden zu wollen. Meistens gab es einen guten Grund, noch einmal nicht aktiv zu werden. Noch eine Zahl, noch ein Gespräch, noch etwas mehr Sicherheit, noch etwas mehr Zeit.
Manchmal war das vernünftig, meistens war es aber wohl eine andere Form, eine Antwort nicht hören zu müssen.
Beim Anker war der Preis gering. Wir haben einen Abend im Restaurant verpasst. Hätte der Anker nicht gehalten, dann wäre die Geschichte eine andere gewesen; aber er hat gehalten.
Und damit bleibt die unangenehmere Frage:
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die richtig war, und einer Entscheidung, bei der wir nur Glück hatten?
Am nächsten Morgen war der Seitenwind weg und wir haben den Anker kräftig angezogen.